Und sie haben es doch getan: In der Nacht von Dienstag auf
Mittwoch wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von
Amerika gewählt – immerhin ein Amt, das bis heute als das mächtigste der Welt
angesehen wird. Obwohl Trumps Konkurrentin der Demokraten, Hillary Clinton,
stimmenmäßig mit knapp 300.000 Stimmen vorneliegt, konnte Trump dank dem
eigenwilligen US-Wahlsystem die Wahl für sich entscheiden. Die USA und die
ganze Welt muss sich nun mit einem neuen Stil in der Politik der USA nach innen
und außen anfreunden – auch wenn noch nicht klar ist, wie genau dieser aussehen
wird. Klar ist jedoch: Nach dem Brexit ist mit der Wahl von Trump nun zum
zweiten Mal etwas passiert, mit dem eigentlich niemand so richtig gerechnet hat
– und mit dem niemand rechnen wollte. Beide Ereignisse zeigen wie die stetige
Zunahme der Zustimmung für rechts- aber auch (wenn auch in geringen Ausmaße)
für linksradikale Parteien bei gleichzeitiger Ablehnung des Status quo, dass
sich eine negative Grundstimmung in weiten Teilen der Welt breitgemacht hat.
Wieso wählen immer mehr Menschen Parteien, die eindeutig
extremer in ihren Positionen aufgestellt sind? Wieso hat genau jener Erfolg,
der sich gegen das Establishment stellt und oft ohne wesentliche, realistisch
umsetzbare Alternativen auftritt? Die Gründe dafür sind vielschichtig und
wurden zu genüge bereits analysiert. Denn, egal ob bei der FPÖ in Österreich,
ob in Ungarn, Polen, beim Brexit oder bei den amerikanischen
Präsidentschaftswahlen: Die Grundzutaten für den Erfolg sind immer die
gleichen. Da sind jene Menschen, die sich bedroht fühlen durch die immer
fortschreitende Globalisierung und all deren negativen Auswirkungen, wie
unkontrollierte Zuwanderung, Veränderung der demografischen Zusammensetzung
eines Landes aber auch kulturelle Veränderungen – oft reicht schon die
Möglichkeit einer Veränderung aus, um diese Leute für einfache und simple
Botschaften zu gewinnen. Die Angst vor der Veränderung und vor der Zukunft sowie
das Gefühl des Abstieges, das sind einige der Gründe wieso immer mehr Menschen allem
„Etablierten“ misstrauen. Europa gleich wie die USA befinden sich etwa 25 Jahre
nach dem Zusammenbruch des bipolaren Systems an einer wichtigen
Weichenstellung. Denn im Zeitalter des Terrorismus, wo Kriege nicht mehr
zwischen Staaten, sondern entlang von kulturellen Bruchlinien stattfinden bzw.
wo „Kulturkrieger“ (wie es Jürgen Wertheimer 2003 formulierte) diese grenzenlosen
Konflikte in die ganze Welt verfrachten, wird es für die USA – gleich wie für
Europa – immer schwerer, die mühsam errungenen Grundrechte bei gleich hohem
Lebensstandard aufrecht zu erhalten.
Das Gefühl, den Überblick verloren zu haben und von den
Ereignissen buchstäblich „überrollt“ zu werden, kann als eine der zentralen
Punkte für das Comeback der einfachen Antworten gesehen werden, wo Inhalte oft
kaum eine Rolle spielen. Dazu kommt das Versagen des Establishments, also jener
Parteien, Organisationen und Personen, die bisher tonangebend waren, auf die
Sorgen der Leute ernsthaft einzugehen. Eine Europäische Union, die mit ihren
tausenden Krisen beschäftigt ist und mangels einer Vision, was sie überhaupt
ist und in Zukunft sein will unfähig eine klare Antwort zu geben, hat hier
ähnliche Probleme wie die USA. Dennoch ist es falsch, die Hauptschuld des Hasses
auf regierende Politiker, einflussreiche Medien (die von Gegnern oft als „Systemmedien“
bezeichnet werden) zu schieben. Eine stärkere Einbindung der Probleme jener Personen,
die sich als Verlierer stehen wird jedoch notwendig sein. Trotzdem sollten
moderate Kräfte kühlen Kopf bewahren und seriös und faktenorientiert abseits
des Populismus Politik machen und dabei gleichzeitig auf das wohl wirksamste
Medikament gegen Populisten weltweit setzen: Bildung.
Dass der Bildungsgrad in starker Verbindung zu den
Wahlergebnissen in vielen europäischen Ländern wie auch der USA steht, ist
nicht neu. Je mehr Bildung ein Individuum in seinem Leben genossen hat, desto
geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Populisten mit kantigen, aber oft
inhaltsleeren Sprüchen auf den Leim geht. Kaum wird bei den diversen Analysen,
die stets nach Wahlen publiziert werden, jedoch darauf hingewiesen, dass es die
Geisteswissenschaften sind und weniger technisch-naturwissenschaftliche Zugänge
sind, die helfen Dinge nicht schwarz und weiß zu sehen. Denn genau die Naturwissenschaften
fördern mit ihrer starken Vereinfachung von Prozessen, wo es oft nur ein „möglich“
oder „nicht möglich“ gibt, den Trend hin zu schwarz/weiß denken. Verstärkt wird
das noch durch neue Tendenzen in Schule und Ausbildung, wo die Person immer
mehr nur in Systemen denken und handeln soll, zuletzt etwa in Österreich stark
gefördert durch die Zentralmatura.
Der Geisteswissenschaft geht es derweilen überall an den
Kragen: Vor allem in den USA und in Japan schließt ein
geisteswissenschaftliches Institut nach dem anderen, werden Strukturmittel mehr
und mehr hin zu naturwissenschaftlich-technischen Fakultäten und Instituten
verlagert. Auch in Österreich jammern die geisteswissenschaftlichen Fakultäten
unter akuten Geldmangel, Projekte werden oft nicht genehmigt, Personal nur
notbedürftig und ohne fixen Vertrag eingestellt.
Rächt sich dieser Trend nun? Die Wahl in den USA hätte
vielleicht anders ausgehen können – ebenso wie der Ausgang der Abstimmung über
den Brexit. Denn Suchergebnisse von Google zeigen, dass sich viele Leute erst
nach der Abstimmung über die wirklichen Vor- und Nachteile informiert haben,
währenddessen sie das vorher eher kaum getan haben.
Aber wo liegen jetzt die Vorteile der Geisteswissenschaften,
das Schwarz-Weiß-Denken zu überdenken? Primär liegt es bereits an den
Gegenständen, die normalerweise zu den Geisteswissenschaften gezählt werden:
Geschichte, Geografie, Linguistik und Sprachen, Soziologie seien hier als Beispiel
genannt sowie auch die Politikwissenschaft, die auch starke
geisteswissenschaftliche Bezüge enthält. Durch die starke Bevorzugung von
Mathematik, Physik, Chemie und die daraus folgenden Studien verlieren diese
Fächer immer mehr von ihrer Stellung, egal ob in der Schule oder an der
Universität, vor allem, weil sie meistens bis heute getrennt und nicht zusammen
unterrichtet bzw. gelehrt werden. Fundiertes Wissen über die Geschichte sind
zentral dafür, um mit dem Wissen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
besser zu gestalten.
Wer sich einmal intensiver mit einer
geisteswissenschaftlichen Materie beschäftigt hat, weiß, dass nichts so einfach
ist, wie es am ersten Blick scheint. Es gibt nicht eine Lösung, wie in den Naturwissenschaften, sondern viele – und diese müssen belegt werden
durch eine fundierte Interpretation. Das bewirkt automatisch ein viel
vernetzteres Denken und das Verstehen, dass etwa Geschichte ohne die Geografie
eigentlich sinnlos ist. Denn was bringt es sich mit Europas Geschichte des 20.
Jahrhunderts auseinanderzusetzen ohne die ganzen Orte, Länder und Regionen zu
kennen? Geisteswissenschaften erreichen daher genau das, was die
Naturwissenschaften nicht erreichen: Die Erkenntnis, dass nichts so simpel ist
und nicht nur durch Versuche bestätigt werden kann, sondern komplex und in Verbindung
zueinandersteht. Kombiniertes und fächerübergreifendes Denken fördert daher das
kritische Nachdenken und das Hinterfragen von Konzepten und Meinungen, Gehörtes
– wie etwa ein Wahlversprechen- wird
nicht mehr als automatisch richtig abgestempelt, sondern als nur eine Interpretation vieler möglicher Varianten.
Wir müssen also aufhören im Ausbildungsprozess
Einheitsmenschen zu produzieren, die bei einer einheitlichen Ausbildung einen
starken Fokus auf die Naturwissenschaften setzt, wenn wir wollen, dass in
Zukunft mündige und selbstbestimmte Bürger die Zukunft der Welt bestimmen. Was
bringen Sinus und Tangens, wenn ein Maturant keine Ahnung vom
Nationalsozialismus hat und nicht weiß, wo die Ursachen für den Syrienkonflikt
liegen – ein Konflikt der ihn täglich in unterschiedlicher Ausprägung betrifft?
Die gesamte Ausbildung muss neben den Naturwissenschaften also wieder stärker
die Geisteswissenschaften in den Vordergrund stellen, um verknüpftes Denken zu
fördern und vor allem jenes Wissen zu vermitteln, dass wichtig für das tägliche
Leben ist. Dazu muss jedoch auch die Ausbildung selbst neu durchdacht werden:
Verknüpftes Lernen sowie die Kombination von Geografie und Geschichte mit Bezug
zu aktuellen Themen (etwa als Beispiel Nahostkonflikt) helfen, die Welt besser
zu verstehen. Denn nur die Geisteswissenschaften können uns helfen mit einem
aktuellen Unterricht in Schule und später auch auf der Universität zu zeigen, diese
komplexe, globalisierte Welt besser zu verstehen. Die Technik liefert die
notwendigen Mittel, die Globalisierung zu nutzen und sorgt für den
technologischen Fortschritt, vergisst jedoch dabei, wie es den jeweiligen
Menschen dabei geht – die Auswirkung davon sehen wir bei Wahlergebnissen in
Europa und in den USA. Die reine Mathematik, Physik oder Chemie kann diese
Fragen nicht beantworten, nur die Geisteswissenschaften können mit ihrem
kombinierten Denken und vor allem der Erkenntnis, dass nichts so simpel ist,
wie es am ersten Blick scheint, diesen Trend umkehren. Nur so kann man der
Globalisierungsangst souverän begegnen und so extremen Parolen vieler Parteien
den Wind aus den Segeln nehmen.
Nun ist die Politik gefordert hier neue Akzente zu setzen,
etwa durch eine Aufstockung der Geldmittel für geisteswissenschaftliche
Fakultäten, Projekte, Forschungsreisen oder durch eine Wiederbelebung der
Geisteswissenschaften in der Schule: Es muss Platz geben für Diskussionen über
aktuelle Ereignisse in der Schule, die dann historisch-geografisch-soziologisch
erklärt werden, um aufzuzeigen, wie komplex diese Prozesse sind und dass es
mehrere Interpretationsansätze und keine allgemein gültige Regel wie in den
Naturwissenschaften gibt. Ohne die Naturwissenschaften abzuwerten: Nur die
Geisteswissenschaften sind der Schlüssel dafür, dass wir auch in Zukunft in
Freiheit und in Frieden leben können – durch eine fundierte,
geisteswissenschaftliche Ausbildung, die ein kritisches Hinterfragen bei
gleichzeitiger Kenntnis jener erzielt, einer starken Forschung, die gerade im
historischen Bereich aufzeigt, wieso in
der Vergangenheit Fehler gemacht wurden, die wir in Zukunft lieber vermeiden.
Wer weiß: Trump wäre vielleicht nicht gewählt worden, wie
auch der Entscheid für den Brexit nicht so ausgegangen wäre, wenn die
Geisteswissenschaften nicht kaputtgespart worden wären? Eine gewagte Aussage,
doch jetzt haben wir noch die Zeit, jene Fehler zu korrigieren. Lieber jetzt
mehr in die Geisteswissenschaften investieren, als dann, wenn es zu spät ist:
Wenn wir zwar superschnelles Internet haben aber dank der Zensur tausende
Websites gesperrt sind. Einfache Antworten führten nie zu einer positiven
Zukunft – auch das zeigt uns die Geschichte, als solche Teil der
Geisteswissenschaften.