Freitag, 7. November 2014

1989: Grenzgänger – Europa überwindet seine Grenzen



1989: Grenzgänger – Europa überwindet seine Grenzen



Im März 1989 hätte wohl niemand auch nur in seinen kühnsten Träumen daran gedacht, dass 25 Jahre später Billigfluglinien Passagiere für 25 Euro von Paris, London oder Venedig nach Warschau, Vilnius oder Budapest bringen, dass abertausende Touristen jährlich die „Goldene Stadt“ besuchen und das in Bratislava mit selbiger Währung wie in Wien gezahlt werden kann.



Europa hat seine Teilung überwunden, alte Grenzen existieren nicht mehr und menschenverachtende stalinistische Regime gehören in Europa der Vergangenheit an. Die Grundlage all der Entwicklungen der letzten Jahre, die nicht nur von einer Europäischen Union, sondern auch von jedem Erasmus-Studenten, den Billigfluglinien, den Busunternehmen oder sogar der polnischen Putzfrau mitgestaltet wurden, liegt im „Wunderjahr“ 1989. In einer Reihe friedlicher Revolution brach Europas Nachkriegsordnung in sich zusammen und gab den Menschen etwas, das sie über 40 Jahre vermissten: Freiheit. 1989, so sagte ein Teilnehmer einer Demonstration in Dresden 1989, „sei ein Jahr, in dem die Realität die Phantasie überholt habe“.



1989 kann zu Recht als das Wichtigste Jahr Europas im letzten Jahrhundert gesehen werden, vieles war schlichtweg Zufall, aber es war eine der wenigen komplett ungeplanten Ereignisse der Geschichte, die vom Volk und nicht von Regierungen und Herrschenden ausgingen. Das Jahr 1989 hat Europa für immer verändert und wirkt mit seiner Präsenz bis heute im Einigungsvorhaben dieses Kontinents nach.



Ostmitteleuropa heute



Schlendert man heute über den Wenzelsplatz in Prag oder durch Budapest, dann sieht man neben hunderten von Touristen aus der ganzen Welt, die zwischen den alten Gebäuden aus der k.u.k Zeit die Auslagen der Geschäfte betrachten, auch viele Tschechen, viele Prager, die stolz durch ihr herausgeputztes Zentrum stolzieren, sich treffen oder eine der zahlreichen Ausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen besuchen.  Tschechien, als ein Land, das eigentlich mehr in Zentraleuropa als in Osteuropa liegt, mit seiner Hauptstadt Prag hat wieder den Anschluss zu Europa gefunden, besser gesagt zu Westeuropa, von dem es lange Zeit durch den Eisernen Vorhang getrennt war. Geht man durch die Pariser Straße sieht man einen Luxusladen nach dem anderen – Gucci, Armadi einer, nach dem anderen. Und ja, man fühlt sich auch ein wenig wie in Paris.



Eine Weltstadt von Rang wie das ferne Paris, das war Prag früher, bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Doch nach der Machtergreifung der Kommunisten wanderte Prag genauso wie Bratislava und Warschau hinter den Eisernen Vorhang, der alle Verbindungen nach Westeuropa für viele Jahre kappte. 25 Jahre nach der Wende ist Prag genauso wie all die anderen Städte in Ostmitteleuropa wieder dort angekommen, wo sie Ende des 19. Jahrhunderts waren: Pulsierende Zentren eines neuen Europas, Wirtschafts- und soziale Zentren, die Jahr für Jahr die Misere von 40 Jahre Planwirtschaft langsam abbauen. Tschechiens jüngere Geschichte, 40 Jahre unter kommunistischer Führung, liegen hier nur versteckt in einem Kommunistischen Museum, dass sich unweit des Wenzelplatz befindet, genau dort, wo 25 Jahre zuvor ein neu erwachtes, selbstbewusstes Volk innerhalb kurzer Zeit eine ganze Staatsmacht nur durch schlichte Proteste und Demonstrationen zu Fall brachte.



 
Die "Goldene Stadt" Prag - heute wieder im Zentrum Europas





1989 – „The Wind of change“



Oft hört man, 1989 sei ein Jahr gewesen, dass so passieren musste. Es sei kein Wunder gewesen, angesichts der Tatsache, dass Ende der 1980er Jahre nahezu alle Satellitenstaaten der Sowjetunion in Ostmitteleuropa nahe der Zahlungsunfähigkeit standen. Zusätzlich machte Gorbacev mit seiner „Perestroika“ und „Glasnost“ Politik und der Aufgabe der Breschnew-Doktrin den Weg frei, dass die Länder des Warschauer Paktes selbst entscheiden können, wie ihre Zukunft aussehen soll.



Doch rückblickend war es schlichtweg ein Wunder, in welch gewaltigen Tempo und wie friedlich diese Umwälzungen abgelaufen sind. 1989 ist einzigartig in der Geschichte und das wohl schönste Jahr in Europas jüngster Geschichte; den Mut vieler Menschen in Ostmitteleuropa und einer günstigen politischen Lage verdankt dieser Kontinent sein heutiges Gesicht.



Als Gorbacev 1985 auf Konstantin Tschernenko als neuer Parteichef der KPdSU folgte, glaubte wohl keiner, dass Gorbacev der letzte Präsident der Sowjetunion sein wird. Die Sowjetunion war das größte Land der Welt, lag mit den USA seit Jahrzehnten im Kalten Krieg und war eine der beiden „Supermächte“ des 20. Jahrhunderts. Gorbacev Vorgänger Stalin, Chruschtschow und Breschnew hatten die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten in Osteuropa stark gemacht. Doch seit der Zeit Breschnew verfiel die Sowjetunion in eine Lethargie, die sich in immer maroderen Staatsfinanzen – auch bedingt durch den Rüstungslauf mit der USA – zeigte und durch die ineffiziente Planwirtschaft zu enormen wirtschaftlichen Problemen führte. 

Gorbacev machte mit seiner Politik 1989 möglich




Gorbacev erkannte die Zeichen der Zeit und reagierte. Mit „Glasnost“ und „Perestroika“ wollte er die Sowjetunion umbauen, sie modernisieren und die Probleme lösen. Eine neue Aufbruchsstimmung setzte in der UdSSR ein, die jedoch nur teilweise bis in ihre Verbündeten Staaten direkt an der Grenze zum kapitalistischen Ausland durchdrang. Diese Staaten, die Deutsche Demokratische Republik, die Tschechoslowakei, Rumänien und Ungarn und Polen steckten seit Jahren in einer Krise. Die Wirtschaft schwächelte, die Versorgung wurde immer schwerer. Alle Staaten wurden von greisen und alten Männern regiert, die alle samt seit der Anfangszeit des Kommunismus in Europa aktiv waren. Sie hatten auf Gutdünken der Sowjetunion eine stalinistische Diktatur errichtet, die vor allem auf Überwachung, Einschüchterung und einem Einparteiensystem bestand. Kommunismus implizierte Diktatur. Entlang der Grenze zum benachbarten kapitalistischen Ausland wurde der „Eisernere Vorhang“ errichtet, von der Ostsee bis nach Ungarn und Rumänien zog sich eine unüberwindbare Grenze entlang, die durch Selbstschussanlagen, Überwachungstürmen und meterhohen Zäunen ausgestattet war. 



Diese Anlagen waren bitternötig, um das eigene Volk nicht zu verlieren. Nach anfänglicher Begeisterung für die „Befreier“ vom Nationalsozialismus schlug die Stimmung in der Bevölkerung in den 1950er Jahren schlagartig um, es kam zum Aufstand in der DDR 1953, als man die Arbeitsnormen erhöhen wollte. Auch in Polen und in Ungarn 1956 wollte man das mittlerweile verhasste Regime wieder loswerden. Doch die Antwort kam stets mit Militärgewalt aus Moskau: Die Vasallenstaaten wurden durch eine militärische Intervention des „großen Bruders“ gerettet. Zuletzt versuchten es die Tschechen 1968 („Prager Frühling“) unter Alexander Dubček einen „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ zu kreieren – doch auch dieser Versuch wurde durch Panzer brutal niedergeschmettert. 





Es folgte der Bau der Berliner Mauer, die Hochrüstung des „Eisernen Vorhangs“ zu einer Todeszone und die sogenannte „Normalisierung“. Regimefreundliche Politiker ersetzten die „Aufmüpfigen“. Das nun eingesperrte Volk verfiel in eine Lethargie, in einen Schockzustand. Insbesondere in der Tschechoslowakei und in der DDR resignierte man, fand sich mit dem Status Quo ab.



Der Westen selbst hielt sich aus den inneren Angelegenheiten der Staaten des Warschauer Paktes heraus. Jede Einmischung könnte zur Eskalation und damit zum Dritten Weltkrieg führen. Obwohl die DDR mit Millionenkrediten aus der Bundesrepublik gerettet wurde, akzeptierte man irgendwie die Situation. Sowohl im Osten als im Westen fand man in den 1970er und in den 1980er Jahren sich mit der Lage ab. Die Teilung Europas schien für immer festzustehen, eingemeißelt in Stein für die Ewigkeit. Erich Hohnecker, von 1971 bis 1989 Staatsratsvorsitzender und damit quasi Alleinherrscher der DDR, sprach 1989 davon, dass „die Mauer auch noch in 50 und auch noch in 100 Jahren bestehen bleiben wird“.  



Doch man kann ein Volk nicht wie Vieh einsperren. Die Freiheit, die tief in jeden Menschen vorhanden ist, stößt irgendwann nach außen und sprengt alle Grenzen. So war es auch 1989, als die „Realität die Phantasie überholte“.



Heißer Herbst 1989



Neue interne Dokumente aus dem Kreml lassen jene entscheidenden Monate des Jahres 1989 nachvollziehen und sie zeigen, dass man die wirtschaftliche Misere voll erkannt hat. Gorbacev wusste, dass der DDR und anderen Staaten nur mehr wenige Jahre blieben, gäbe es nicht tiefgreifende Änderungen.



Bereits vor 1989 gab es jedoch erste Signale, die vom Westen kaum wahrgenommen wurden. In Polen wurde Lech Walesas „Solidarnosc“-Gewerkschaft immer beliebter und Streiks lähmten das Land. Gleichzeitig war Polen wirtschaftlich am Ende. General Jaruzelski rief einen „Runden Tisch“ ein und es wurden Wahlen vereinbart. Diese wurden von Nicht-Kommunisten gewonnen. Polens Kommunisten erwarteten die Niederschlagung nach Vorbild 1968 – doch aus Moskau kam ein „Njet“. Gorbacev wollte unter allen Umständen ein 1968 oder ein 1953 verhindern. Neue Zeiten in Moskau.



In Ungarn gab es bereits vorher den „Gulaschkommunismus“, doch ab 1989 nahm der Demokratisierungsprozess gewaltig zu. Ungarn konnten ab 1988 weltweit ausreisen. Ungarns Kommunisten dachten sich also: Wozu brauchen wir noch einen Eisernen Vorhang? Am 27. Juni 1989 durchschnitten der österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Kollege Horn symbolisch den Eisernen Vorhang – das erste, kleine Loch im Eisernen Vorhang war entstanden.



Der deutschen Tagesschau war das nur eine Randnotiz wert. In Westeuropa verkannte man die Brisanz dieses Schrittes. Doch es reichte aus, dass die DDR Bürger ihren Ungarnurlaub nutzten, um dem Sozialismus „Tschüss“ zu sagen. Tausende verließen via der Botschaft in Prag und Budapest im Sommer und Herbst 1989 die DDR für immer.



Gorbacev hielt sich zurück. Bereits beim Gipfeltreffen der Warschauer Pakt Staaten hatte er angekündigt, dass die Breschnew-Doktrin (=ein Staat muss den anderen „Beistand“ helfen, sprich militärisch eingreifen) aufgegeben werden.



Nun geschah das „Wunder“ von 1989. Innerhalb weniger Wochen wurde der Funken der Unzufriedenheit, der in fast jeden Ostmitteleuropäer zu finden war, größer und stärker. Man wollte Paris oder Rom sehen. Man wollte keine Überwachung mehr. Man wollte freie Wahlen und keine Scheinwahlen. Auf Polen und auf Ungarn folgte die DDR. Erich Hohnecker war realitätsfern, erkannte nicht die Zeichen der Zeit. Er verkündete den „Sozialismus in den Farben der DDR“ und sagte, „Den Sozialismus hält weder Ochs noch Esel auf“. Sein Volk sah das anders und erwachte aus der Lethargie, es kam zu Massenprotesten.



Es strebte nach Freiheit und so kam es wie es kommen musste: Erich Hohnecker wurde „aus gesundheitlichen Gründen“ von seinem Amt entlassen und Egon Krenz folgte ihm nach. Die neue Regierung der DDR verlor jedoch immer mehr die Kontrolle über das Volk. Gorbacev hatte noch wenige Wochen zuvor, kryptisch formuliert, dass „Gefahren nur auf jene lauern, die nicht auf die Zeichen der Zeit reagieren“. 

Demostrationen in Berlin




Die Welle der Freiheit war nicht mehr aufzuhalten. Am 09. November 1989, genau vor 25 Jahren, war es dann soweit. Günther Schabowski verlas einen neuen Beschluss des Politbüros, dass „Reisen nach dem Ausland ohne Vorlage nun möglich sind“. Die Nachricht verbreite sich in Windeseile in Berlin und ein Volk, dass 40 Jahre geistig entmündigt war, eingesperrt und jeder Freiheit geraubt war, ergriff die Initiative. Die völlig überforderten Grenzbeamten gaben nach und öffneten die Berliner Mauer, DAS Symbol der Teilung Europas.



Menschen aus West- und Ostdeutschland feierten gemeinsam unterhalb des Brandenburgers Tor das Ende von über 40 Jahren Teilung. Das Unmögliche war möglich geworden. Der 09. November 1989 war eine der wenigen Momente in der Geschichte, in der die Macht vom Volk ausging. Sie nutze einen Fehler des alten Regimes aus und nutzte die Gunst der Stunde, die Freiheit zu entdecken. Anders als 1918 oder 1945 waren es nicht die Mächtigen der Welt, die die Geschichte geschrieben haben, sondern das Volk, dass den inneren Antrieb nach Freiheit gefolgt ist und so das schier unmögliche möglich gemacht hat.

Vom Knast in den Hradschin: Kometenhafter Aufstieg eines Bürgerrechtlers




Auch in der Tschechoslowakei folgte im November 1989 die „Samtene Revolution“. Nachdem das kommunistische Regime anfangs noch mit Polizeigewalt reagierte, erkannte es bald, dass ihre Zeit abgelaufen war. Die „Charta 77“ rund um Vaclav Havel, einen Literaten, der jahrelang verfolgt und in Hausarrest gestellt wurde, übernahm das Wort der Demonstrierenden. Alexander Dubcek, der Anführer des „Prager Frühlings“ von 1968 sprach gemeinsam mit Havel Ende 1989 in Prag am Wenzelplatz zu den Einwohnern von Prag: Die Diktatur ist zu Ende! Wenige Monate später war Vaclav Havel der neue Präsident der Tschechoslowakei – wenige Monate zuvor saß er noch im Gefängnis. Alexander Dubcek musste nach der Niederschlagung 1968 sein Dasein als Gärtner fristen. Er musste über 20 Jahre warten, bis seine Überzeugung und sein Mut sich bezahlt machen. Das Volk jubelte den einstigen Parteichef der Kommunistischen Partei zu und auch er wird wenige Monate später zum Parlamentsvorsitzenden des ersten frei gewählten Parlamentes der Tschechoslowakischen Republik gewählt. 

Samtene Revolution




Es ist bezeichnend für dieses „Wunderjahr“ 1989, dass Dinge, die schier unmöglich erschienen, innerhalb weniger Zeit Realität wurden. Ein politisch Verfolgter Intellektueller wird Präsident und ein Mann, der Mut zur Veränderung hatte und über 20 Jahre warten musste, bis seine große Stunde kam, wird Parlamentspräsident. 1989 erneuerte den Glauben an die persönlichen Überzeugungen, an den Glauben an eine bessere Welt und an seine Ideale. 1989 zeigte, dass das Unmögliche wahr wird und mit einer unbeschreiblichen Wucht die kühnsten Träume wahrwerden lässt.



Als letztes Land folgte 1989 Rumänien. Nicolae Ceaușescu regierte Rumänien seit über 30 Jahren und war ähnlich wie Hohnecker kaum zu einer Abänderung des stalinistischen Kurses bereit. Während einer Rede kurz vor Weihnachten im Dezember 1989 entlud sich der Volkshass und innerhalb weniger Tage wurde der Diktatur gestürzt. Das ärmste Land Europas schlug auch einen demokratischen Weg ein.



Am Ende des Jahres 1989 waren sämtliche ehemals eisern regierte osteuropäischen Staaten am Beginn eines langen Transformationsprozesses hin zu Demokratie und zu Marktwirtschaft, der mit all den Problemen bis heute andauert.



1989 stellt eine Zäsur in der Menschheitsgeschichte dar. Das Jahr gilt als wirkliches Ende des Zweiten Weltkrieges, über 40 Jahre nach dem offiziellen Ende des bisher schrecklichsten Krieges der Welt. Die Nachkriegsordnung, die Einteilung in Ost und West fiel innerhalb weniger Monate zusammen. Es war letztendlich eine Kombination von vielem, die 1989 zu dem gemacht hat was es ist: Ein unvergessliches und bis heute nachwirkendes Jahr, in der viele Menschen das Wichtigste, wofür es sich lohnt auf dieser Erde zu leben wieder gewannen: Die Freiheit.



Eine besondere Konstellation der politischen Entscheidungsträger – Gorbacev mit seiner Versöhnungspolitik auf der einen Seite, George Bush auf der anderen, ein polnischer Papst Johannes Paul II. und ein Helmut Kohl, der die Gunst der Stunde nutzte und den Traum von einem vereinten Deutschland Realität machte, sind fundamental wichtig für die Vorgänge im Jahre 1989.



Aber letztendlich war es der Druck aus dem Volk, der Druck von unten, der dieses Jahr möglich gemacht hat. Der Drang nach Freiheit wurde zu groß sich länger einem Regime unterzuordnen. Die „Macht der Straße“ fegte Machthaber innerhalb weniger Monate aus ihren Regierungssitzen, wie sie es sich wohl nie vorgestellt hätten. Genau dieser Punkt unterscheidet 1989 von all anderen Ereignissen des 20. Jahrhundert. 1989 war nicht geplant, es passierte nicht von oben, sondern von unten. 





Gerade 2014, in einem Jahr, indem viele Menschen mit totalitären Regimen sympathisieren und glauben mit einem „Führer“ ginge alles leichter, sollte man an 1989 denken, an den Mut, den die Menschen aufgebracht haben um für ihre Überzeugungen zu kämpfen und die Freiheit, ein kostbares Gut, das jederzeit wieder verloren gehen kann, erlangt haben.



 Dass 1989 überwiegend friedlich ablief, stand nämlich von Anfang an nicht fest. Doch gegen den immer stärkeren Freiheitsdrang des eigenen Volkes war auch der am besten ausgerüstete Unterdrückungsstaat nicht gewappnet. Das Volk nahm sein Schicksal 1989 selbst in die Hand.



Was blieb von 1989?



Nachwirkend sind die Schockwellen, die von 1989 ausgingen, bis heute spürbar. 1990 – nur 1 Jahr nach den Massendemonstrationen in der DDR – folgte die Wiedervereinigung Deutschlands, die die logische Konsequenz des Endes der DDR war.  



Der Sowjetunion ereilte ein ähnliches Schicksal wie ihren Satellitenstaaten:  Mit 31. Januar 1992 hörte die Sowjetunion formal zu existieren auf. Estland, Lettland und Litauen sowie Weißrussland, Moldawien und die Ukraine entstanden auf Europas Teil als neue Staaten.



Indirekt sorgte 1989 auch für ein neues „Wunder“:  Francois Mitterand, der französische Präsident und Helmut Kohl, der „Kanzler der Einheit“ beschlossen die Euro-Einführung. Im Vertrag von Maastricht 1992 wurde außerdem die Osterweiterung der Europäischen Union vorbereitet. 1989 bedeutete einen undenkbaren Schub für die europäische Einigung. Die Einführung einer einheitlichen Währung, dem Euro, der heute die zweitstärkste Währung der Welt ist sowie das „Schengener Abkommen“, was in den folgenden Jahren auch auf Ostmitteleuropa ausgeweitet wurde.



2004 erfolgte mit dem EU-Beitritt von Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Ungarn und den Baltischen Staaten gewissermaßen die „Vollendung“ von 1989, die 2007 mit dem Inkrafttreten des „Schengener Abkommen“ noch vergoldet wurde.

Die Ostgrenzen Österreichs, die 20 Jahre zuvor noch komplett undurchdringbar waren, waren nun frei für jedermann übertretbar. Ob in Andau im Burgenland, wo 1956 zahlreiche Ungarn im Zuge des Volksaufstandes flohen, oder im Grenzgebiet im Mühlviertel, wo auf tschechischer Seite zahlreiche Opfer beim Überschreiten der Grenze starben, gibt es praktisch nur mehr eine symbolische Grenzlinie.



Randgebiete wie das Burgenland oder das Weinviertel profitieren durch die Nähe zu den neuen, alten Nachbarn. Zwischen Wien und Bratislava gibt es tägliche Zugverbindungen und sogar eine Fährverbindung. Obwohl die Geschichte Tschechien und Österreich über 40 Jahre trennte, erkennt man wieder die Gemeinsamkeiten, internationale EU-Projekte fördern das Miteinander.  Ryanair bietet Flüge von Paris, Mailand nach Warschau oder nach Kosice an.



Europa hat den Transformationsprozess erstaunlich gut überwunden.



Doch es ist nicht nur die Europäische Union die daran entscheidend mitgewirkt hat. Europa gibt es heute nicht nur in Brüssel, Europa gibt es heute überall.



Es waren vor allem die Menschen vor Ort, in Tschechien, Rumänien, Ungarn oder in der Slowakei. Sie sind bei null gestartet, haben umdenken müssen und sich ihr Leben neu ordnen müssen. Vergessen ist die Teilung Europas in zwei Hälften, Erasmusstudenten erfahren mehr von Europa als es einen Universitätsprofessor in den 70ern auch nur ansatzweise möglich gewesen wäre. Österreicher leisten ihren Zivildienst heute in Prag oder Budapest ab, Studenten studieren in Warschau oder in Vilnius, neue Straßen und Eisenbahnverbindungen lassen die Teilung Europas vergessen. Wiener fahren nach Sopron einkaufen, Ungarn arbeiten in Wien, Franzosen besuchen Prag oder machen Wildnisurlaub in Rumänien. Berlin hat sich zu einer Multikultistadt entwickelt, die vor allem von jungen Reisenden gezielt ausgewählt wird. Eurovision Song Contest, die EM oder der Euro sind Zeichen eines vereinten Europas. Europa ist stärker als je zuvor, trotz Eurokrise und allgemeiner Skepsis am Projekt EU. Gerade Österreich hat mehr als kaum ein anderes Land von der EU-Osterweiterung und damit indirekt auch vom Fall des Eisernen Vorhangs profitiert. Laut Berechnungen gehen 1% des jährlichen Wachstums nur auf die Osterweiterung zurück - und bringen viel Wohlstand nach Österreich. 

Grenzen? Heute nur mehr Markierungen am Boden




1989 brachte die Freiheit nach Ostmitteleuropa und sorgte für das Aufleben alter Verbindungen zwischen Ost und West. Seitdem hat sich diese einzigartige Gegend großartig entwickelt und einen erstaunlichen Wandel hingelegt. In einer globalisierten Welt mit starken Gegenspielern muss Europa – Ost wie West – aber weiterhin am Einigungsprozess arbeiten, an der Überwindung der Nationalstaaten hin zu einem „Europa der Regionen“, in der Grenzen keine Rollen spielen. Wir sind am besten Weg dorthin, wenn wir aufpassen, nicht wieder der europäischen Seuche Nationalismus und Abgrenzung zu verfallen, sondern das was 1989 begonnen wurde, fortfahren. 



Ein grenzenloses Europa – grenzenlos nicht nur in Bezug auf Staatsgrenzen, sondern auf Träume, Hoffnungen, auf Chancen. Kein Kontinent außer Europa hat die Möglichkeiten dazu, seinen Menschen ein solch schönes Leben in Freiheit zu bieten. Denken wir an 1989 und packen wir die Probleme an, verteidigen wir die europäischen Grundsätze Demokratie, Meinungsfreiheit sowie Säkularisierung, wenn diktatorische oder religiöse Fundamentalisten diese Prinzipien unterlaufen wollen. Europa hat zwei Weltkriege ausgelöst, litt dann 40 Jahre unter den Folgen als getrennter Kontinent getrennt und hat in einzigartiger Weise wieder zu sich gefunden – nutzen wir die Chance und machen wir aus Europa den Vorzeigekontinent – es liegt in unserer Hand!


Buchtipps

"Grenzland Europa" - Karl Schlögl (Hanser)
ISBN: 978-3-446-24404-7
EUR 22,60 

Karl Schlögl ist der Chronist des neuen Europas. Er zeigt auf, dass nach 1989 Europa einzigartiges aufgestellt hat und dass die Vereinigung von Ost und West auch durch Billigfluglinien wie Ryanair oder Buslinien mitgestaltet wird. 

Der Kreml und die Wende (Studienverlag)
Stefan Karner, Mark Kramer, Peter Ruggenthaler, Manfred Wilke 
ISBN: 978-3-7065-5413-8
EUR 39,90 

Bisher noch nie veröffentlichte Originaldokumente aus russischen Archiven zeigen die Reaktionen und die Vorgangsweise des Kremls auf die Entwicklungen in Osteuropa hautnah. Sehr detailliert und unter Mitwirkung der Uni Graz erstellt. 








Sonntag, 2. November 2014

Hart arbeiten und das Leben genießen – ein Monat in Bergamo



Hart arbeiten und das Leben genießen – ein Monat in Bergamo


Strömender Regen, das Abwassersystem versagt, die Straßen sind nahezu schon überschwemmt, Blitze zucken über den Himmel, es donnert: Am Abend des 30. Juni 2014 ist das Wetter nicht gerade einladend, um ein Monat im Ausland einzuläuten. Ein Monat Bergamo. Ein Monat Italien! Und dann solch ein Wetter! Bereits der Weg auf der Autobahn war beschwerlich, ein starker Regenschauer, ein Gewitter jagte das Nächste und es schien, als würde es nie aufhören zu regnen. 15°C zeigte das Thermometer – nach Italien fühlt sich DAS nicht an. Aber an diesem 30. Juni gingen mir andere Fragen durch den Kopf: Wie wird die Unterkunft sein? Wie wird die Arbeit ablaufen? 1 Monat Italien haben mir geholfen ein altbekanntes Land neu kennenzulernen und nach unzähligen positiven Erfahrungen gibt es nur mehr eine Frage: Wann geht’s wieder nach Bergamo!?




Ausblick von der Città Alta auf die Città Bassa in Bergamo




Straßenleben „all‘ italiana“


Bergamo – der Name dieser Stadt dürfte von den Meisten nicht unter die Top 5 italienischer Städte gereiht werden. Da kommen zuerst Namen wie Venedig, Rom, Mailand oder auch Genua. Dabei versteckt sich hinter der Stadt eine wahrhafte Perle und eine der schönsten Städte Italiens. Hoch auf einem Hügel thront die sogenannte „Città Alta“, das alte Stadtzentrum, dass einen unberührten Stadtkern aus dem Mittelalter aufweist und von einer massiven Stadtmauer umgeben ist, die von den Venezianern errichtet wurde, die lange über die Stadt etwa 50 km nördlich von Milano/Mailand herrschten.

Nachdem ich mich im strömenden Regen bis zu meinem Vermieter vorgearbeitet habe und er  mich in diesen kleinen Luxustempel gebracht hatte, den ich für 1 Monat mein Eigen nennen  durfte – zwei große Zimmer, ein großes Bad – alles modern und mit allem ausgestattet, was man so zum Leben braucht – erwachte ich am nächsten Morgen – meinen ersten, kompletten Tag in Bergamo Città und öffnete die großen, alten Fensterläden. Vergessen war der Regen des Vortages, die 15° C, die Gewitter, die Blitze – ein makellos blauer Himmel strahlte mir entgegen und ein grandioser Blick auf die Città Alta, deren Silhouette im morgendlichen Sonnenlicht golden glänzte und fast schon etwas „magisch“ wirkte. 

Nach einem kurzen Frühstück öffnete ich das große, orginal erhaltene Tor aus dem 17. Jahrhundert, das meinen „Palast“ von der breiten, geradelinig verlaufenden Via Torquato Tasso trennt – wohlgemerkt eine der besten Adressen von Bergamo Stadt. Im warmen Julisonnenlicht  ist man mit einem Stoß hineinversetzt in das italienische Straßenleben: Geschäftsleute, die in Anzug zur Arbeit hasten, ältere Damen, die im Cafè nebenan ihren „Espresso“ einnehmen, die Besitzer der vielen, kleinen Läden, die gerade ihre Läden eröffnen, der Geruch von frisch gemahlenen Kaffee, von frischem Brot und von frischem Obst. „Italien erwacht“ – allein diese Szene am frühen Morgen, die sich jeden Tag aufs Neue wiederholt, wirkt als sei sie mit einem besonderen Sinn für das Besondere, für das Genießen des Lebens, inszeniert. 

Die Via Tasso in Bergamo


Vorbei an der Via XX Settembre, der zentralen Einkaufsstraße, die sich an die Via Torquato Tasso anschließt, eröffnet sich für mich Kapitel 1 von „Arbeiten in Italien – die Unterschiede“. Denn kaum angekommen an meiner zukünftigen Arbeitsstelle lernte ich bereits in den ersten 10 Minuten die Unterschiede des Arbeitens zwischen Österreich und Italien kennen: In der Lombardei und insbesondere in Bergamo gilt: „Hart arbeiten und das Leben genießen“ , das hört sich nach zwei nicht vereinbare Grundsätze an? Die „bergamaschi“ wie die Bewohner von Bergamo genannt werden, schaffen es, diesen Spagat jeden Tagen aufs Neue hinzukriegen. Für mich hieß das im Klartext: Drei Projekte, Zeit bis zum Monatsende und die Arbeitszeiten, die sind selbst einzuteilen. 

Nach Jahren der Ferialjobs bei einer Kammerorganisation in Österreich, die wie vieles seit dem 2. Weltkrieg unverändert ein Paralleleben zwischen Staat und Gesellschaft führt, war diese Art des Arbeitens etwas ganz neues, eine neue Arbeitshaltung, die man erst „lernen“ musste.



Mangiare in Italia – Essen und gegessen werden  


Aber nach anfänglichen Schwierigkeiten, die neue „Freiheit“ bei gleichzeitigen „Aufgaben“ korrekt einzuteilen, geling auch das von selbst und es war Zeit für Kapitel 2:  „Mittagspause all’italiana“. Vorbei die Zeiten, wo die Mittagspause von 12:30 bis 13:30 gedauert hat, egal ob man diese Zeit auch wirklich ausnutzt. 

Hier kommt wieder die Bergamasker Lebenseinstellung: „Hart Arbeiten und das Leben genießen“ ins Spiel. Gleich am ersten Tag nahm meine Mittagspause eine unerwartete Wendung: Ich befürchtete schon, die restlichen Wochen mit Pizzastücken aus dem nahen, großen Auchan-Supermarkt zu verbringen, allein auf meinen Schreibtisch im Büro in der Via Broseta. Aber es kam ganz anders, denn: In Italien steht Essen ganz oben in der Rangfolge der Wichtigkeiten im Leben. Und diesen zentralen Lebensinhalt sollte man nicht alleine zelebrieren. So war ich etwas erstaunt, als mich meine Chefin bereits am ersten Tag fragte, ob ich mit ihr und ihrer Familie gemeinsam in der Wohnung essen wollte. Ich willigte ein und erlebte fünf Stockwerke höher das „Dolce Vita“ in Form eines ausgiebigen und trotzdem gesunden, italienischen Mittagessens, das meistens aus Pasta, einen zweitem Fleischgericht und Obst als Dessert bestand. 

 
Essen am Gardasee



„Beim Essen kommen die Leute zusammen“ – diese Lebensweisheit wird wohl kaum irgendwo so genau genommen wie in Italien. Am Tisch lernte ich nicht nur die Familie meiner Chefin kennen, ihren Mann, ihre zwei Kinder, die immer für viel Schwung in der Wohung sorgten, sondern auch die Eltern eines Freundes.

 Anlässlich der Eröffnung eines Autobahnstückes, bei der auch Matteo Renzi, der Premierminister Italiens anwesend war, reiste ich extra deswegen ins etwa 30 km südlich von Bergamo gelegene Bariano – einem kleinen, hübschen Ort in der Provinz von Bergamo. Obwohl Renzi sich nur einem erlauchten, kleinen Kreis von ausgewählten Personen zeigte, erlebte ich nach der Eröffnungsfeier ein original italienisches Mittagessen: In einem kleinen Haus in Bariano bereitete die Mutter dieses Freundes eine Köstlichkeit nach der anderen zu: Spaghetti con pomodori, Spaghetti mit Tomaten aus dem eigenen Garten, gefolgt von Schnitzel mit Mozzarella und Tomaten überbacken, Blätterteig mit Vanillecreme und Obst. 

Während dieser gut zwei Stunden, in der ich oft aufgefordert wurde, noch „di più“, noch „mehr“ zu essen, lernte ich alle Familienmitglieder kennen, wir plauderten über mein bisheriges Leben, meine & ihre Zukunftspläne – kurzum: Über Gott und die Welt.


Nach diesem üppigen, aber geschmacklich extrem guten Essen verabschiedeten wir uns jedoch  nicht wie man in Österreich oder Deutschland denken mag mit einem einfachen Händeschütteln,

sondern mit zahlreichen Umarmungen. Es war wieder der „Italien-Effekt“ eingetreten: Man betritt das Haus eines Fremdens als Fremder und verlässt es als guter Freund. Die Hemmschwelle, sich auszutauschen, einen anderen über das Leben auszufragen ist in Italien stets eine ganz andere als nördlich der Alpen. Man ist nie lange „fremd“ in Italien, man wird rasch zu einem Freund. Der „Italien-Effekt“ schlug auch hier in Bariano zu, zusätzlich noch mit dem Hinweis, dass ich wenn ich in der Gegend sei, unbedingt sofort anrufen sollte, dann erhalte ich sofort wieder solch ein gutes Mittagessen. Na dann „Buon Appetito!“





Von Papierstau und anderen Fehlermeldungen oder: Arbeitsalltag in Italien  



Das Schöne an Druckern ist ihre extreme Zuverlässigkeit und die Unzahl an Fehlermeldungen, die dieses kleine Gerät jeden Tag aufs Neue produziert: Papierstau, Patronen leer, Klappe geöffnet, Signalweiterleitung unterbrochen. Innerhalb meines Monates in Bergamo lernte ich die tiefe, innere Seele vieler Drucker kennen, die oft ihr Eigenleben führen, die selbst eingefleischte Druckerexperten an das Ende ihrer Weisheit bringt. 

Nachdem das alte Multifunktionsgerät – Scanner, Drucker, Faxgerät und Kopiere in einem – einen Tag bevor meiner Ankunft den Löffel abgegeben hat, war ich anfangs auf einen kleinen Canon angewiesen, der zwar gut für zuhause, jedoch ungeeignet für den Arbeitsalltag in einem Büro ist. Denn bei meiner Aufgabe 10 Ordner mit teils bis zu 60 Seiten dicken Dokumenten einzuscannen verzweifelt man bei einer Scangeschwindigkeit von einer halben Minute bereits nach zwei Dokumenten. 

Doch Hilfe kam bald – in Form von Andrea, dem Techniker des Büros, der den reparierten Multifunktionsdrucker brachte. Nach zwei verzweifelten Tagen mit dem kleinen Canon-Scanner, der von der Geschwindigkeit her den Fortschrittgeist österreichischer Politik entsprach,  war das Wort „Pronto“ auf den Drucker wie eine Erlösung, ein Hoffnungschimmer am endlos erscheinenden Papierscanhimmel.  Sofort begann ich mit meiner Arbeit – aber es hat nicht sein sollen. Nach 30 Minuten Arbeit verabschiedete sich auch dieser Drucker in die ewigen Jagdgründe mit den Worten „Unbekannter Fehler“. Die Folge davon waren weitere 5 traumatische Tage mit dem Canon-Scanner und 5 Tage ohne Faxgerät im Büro. 

Mittlerweile waren über 3 Wochen vergangen doch Italien wäre nicht würde man nicht in dieser Misere eine Lösung finden: Ein Freund erklärte sich bereit, die Ordner nach der Arbeit auf seinem Multifunktionsgerät einzuscannen – das – welch Wunder! – einwandfrei und schnell scannt. Ordner wurden also von Bergamo nach Bariano und dann weiter nach Milano gebracht, um eingescannt zu werden. Sie wurden im Zug hin und her transportiert, sie sahen viel von der Lombardei – während der Drucker im Büro weiterhin klinisch tot „Unbekannter Fehler“ anzeigte. 

Doch gegen Ende des Monats erfolgte eine schlagartige Wende in diesem Druckerdrama: Andrea brachte einen neuen Brother-Drucker. Dieses Gerät wär deutlich kleiner, wies jedoch die gleichen Eigenschaften wie der alte Drucker auf. Nach einer halben Ewigkeit an Installationszeit erfolgte ein Probedruck – ja funktioniert. Dann folgte eine Kopie – ja funktioniert. Schließlich wurde es spannend: Scannt er oder scannt er nicht? Nach bangen Minuten die Erlösung: Er scannt! Schneller als das alte Gerät und sogar beidseitig! Halleluja!

Hätte in diesem Moment sich ein Champagner im Kühlschrank befunden, wäre er spätestens jetzt geöffnet worden – Andrea und ich konnten es kaum glauben – er scannt! Ohne Fehlermeldung! Nahe der Geburtsstadt von Papst Johannes XXIII.ist tatsächlich ein Wunder geschehen!

Probleme sind da um gelöst zu werden! – auch wenn es dauert! Italiener und hier vor allem Norditaliener sind ein Meister im Improvisieren und im Problemlösungen suchen. Es ist dies ein fundamentaler Grund für die Wirtschaftskraft im Norden des Landes, der die Gegend zu einer der reichsten Europa gewandelt hat und der sich auch in „Hart arbeiten und das Leben genießen“-Grundsatz bemerkbar macht.







Aperitivo bergamasco – Feierabend im Lokal  


Bei solch stressigen Kämpfen mit Druckern und Fehlermeldungen braucht man einen Ausgleich. Sehr beliebt bei den Bewohnern von Bergamo ist dabei l’apertivo“ – der Aperitiv. Nach einem anstrengenden Arbeitstag trifft man sich mit Freunden in einer der zahlreichen Bars in der Città Bassa, dem Pedant zur Città Alta, der Oberstadt. 

Die Città Bassa ist das komplette Gegenteil der Città Alta: Es ist das Zentrum der Wirtschaftstätigkeit, hier trifft man sich am Samstag Abend zum Pizza essen, kauft sich am Morgen an der Straße in einem der zahlreichen Kioske eine Zeitung oder genießt eben einen Aperitif. Die typische Zeit dafür ist zwischen 17:00 und 19:00, also vor dem Abendessen. In den Bars bestellt man sich etwas zum Trinken, meistens ein Bier, Aperol oder anderes und diskutiert und redet in angenehmer Atmosphäre, was der Arbeitstag so gebracht hat, wohin man im Sommer fährt, über Berlusconis neue Machenschaften, über das Fußballergebnis von Milan oder über das Wetter. 

Dazu werden kleine Köstlichkeiten gereicht – Pizzabrötchen, Oliven, Prosciutto crudo, Ruccola, etwas Pasta. Auch ich kam einige Male in den Genuss dieses „Apertivo“, der von mir aber schändlich missbraucht wurde als Abendessen. Denn es gibt keine „Reglementierung“ wieviel man von diesen kleinen Leckerbissen essen darf und so wurde ein Aperitivo bei mir oft auch zu einem vollen Abendessen. 


Al supermercato e l’italia pulita – Brechen mit Klischees 


Fand sich mal niemand, mit dem ich zu einem aperitivo gehen konnte, um dort mein Abendessen billig zu konsumieren, dann musste auf den Supermarkt zurückgegriffen werden. Ein italienischer Supermarkt unterscheidet sich grundsätzlich von einem Supermarkt in einem anderen Land. Denn hier muss ein Supermarkt die italienische Grundphilosophie „Genuss und das Leben genießen“ immer und überall erfüllen. So werden viele regionale und frische Produkte präsentiert, die allesamt höchste Qualität aufweisen – auch beim Discounter. Frische Zutaten spielen in der italienischen Küche eine große Rolle und so sind auch die italienischen Supermärkte aufgebaut. 

Blick auf  Bergamo

Diese „Wichtigkeit“ was Essen, Genuss und Lebensfreude betrifft, sieht man am besten wenn man Italien mit Großbritannien vergleicht. Italien ist weltweit gesehen eines der Länder mit der besten Küche, die sich weltweit  fast selbstständig exportiert hat – Pizza und Pasta gibt’s mittlerweile auch im tiefen Russland oder in Afrika.  Aus Großbritannien kommt – nun ja was eigentlich? Dort oben gibt es absolut nichts, was man exportieren möchte und dementsprechend sieht auch die „Feinkost-Abteilung“ auf. Während etwa im Auchan Bergamo diese „Feinkost-Abteilung“ sich fast auf den halben Supermarkt verteilt, aus fast 10 Meter langen Wursttheken besteht, wo man Schinken in allen Formen und Variationen erhält und wo sich langgestreckte Käsekühlregale befinden, die Spezialitäten aus jeden abgelegenen Tal irgendwo in Italien anbieten. Dazu gibt es eine eigene Pizzabteilung und eine sehr große Gebäckabteilung. In einem Supermarkt in Großbritannien umfasst die „Feinkostabteilung“ ein kümmerliches, kleines Regal irgendwo in den hintersten Winkel des Supermarktes hineingesteckt, wo man dann aus einer halb leeren Vitrine sich zwischen Schinken A und Schinken B entscheiden kann, wobei beide ungenießbar aussehen.

Ob Autobahnraststation oder Edelrestaurant – in Italien isst man fast überall gut. Qualität und Frische werden groß geschrieben, was oftmals dazu führt, dass man mit Klischees aufräumen muss.  


Wenn ich nicht gerade den Auchan von Bergamo zum Einkaufen auserwählte, dann wurde es der etwas kleinere Pam gleich um die Ecke, der sehr komfortable Öffnungszeiten und ein annehmbares Sortiment bietet. Frisches Gebäck, egal ob Panini oder egal welch anderes Brot, werden in einer Selbstbedienungs-Box angeboten. Die verschiedenen Artikel liegen in kleinen Boxen, sind mit einer Nummer versehen und dann selbst abzuwiegen. Diese neue Form der Selbstbedienung hat sich in Italien fast flächendeckend in den großen Supermarktketten durchgesetzt. An dieser kleinen Alltagshandlung zeigt sich, dass die Standard-Klischees über Italien heute nicht mehr zeitgemäß sind. Denn um die Ware nachhause zu transportieren gibt es Plastiktüten in allen Größen, daneben liegen Einweghandschuhe, mit der Bitte, diese anzuziehen, wenn man sich seine Panini fürs Abendessen aus eine dieser Boxen rausnimmt.

Ich kannte dieses System natürlich von Österreich. Auch dort hatten einige Discounter vor einiger Zeit mit der Umstellung auf Selbstbedienung begonnen. Wie immer nahm ich also eine Tüte in die Hand und wählte die Panini aus, jedoch – sowie ich es von Österreich gewohnt war – ohne die Handschuhe anzuziehen. Ich dachte mir nichts dabei, eben sowie in Österreich. Doch dann beobachtete ich die anderen Kunden in diesen Supermarkt. Alle, wirklich alle, zogen sich fein säuberlich die Plastikhandschuhe, an als sie die Produkte auswählten. 



Ich war etwas perplex – der korrekte Österreicher ignorierte die Handschuhe, während die Italiener, die es sonst ja mit Regeln nicht so genau nahmen, sich alle – vom kleinen Kind bis zum Großvater – ordentlich die Einmalhandschuhe anzogen, um ihr Gebäck auszuwählen. In meiner ganzen Zeit in Bergamo ist mir niemand aufgefallen, der ohne Handschuhe sich bediente. Ich war überrascht. Überrascht von der Korrektheit, die Italien und seine Einwohner an den Tag legen können. Die angeblich so lockeren Italiener, die es mit Regeln doch nicht so genau nehmen, können den korrekten und ordentlichen Österreichern noch einiges beibringen. In einem österreichischen Discounter gibt es übrigens nicht einmal Einweghandschuhe.

Ob Handschuhe oder das Rauchverbot. „Vietato Fumare“ ist in Italien seit Jahren akzeptiert. In Restaurants und öffentlichen Bereichen ist Rauchen meist verboten – und alle halten sich daran. Während man in Österreich seine Jacke nach dem Besuch von kleinen Bars gleich wegwerfen kann kann, so eingeräuchert wie diese ist, ist in Italien das allgemeine Rauchverbot seit Jahren Realität und ein angenehmer Besuch von Bars und Restaurants überall möglich. 


Italien ist in vielerlei Hinsicht geordneter als anderswo, das Klischee „Italiener halten sich nicht an Gesetze und Regeln“ ist daher generell überholt, insbesondere im Norden. Im Gegenteil, Österreich ist in vielen Bereichen unorganisierter, was sich etwa auch an der Wursttheke bemerkbar macht. Ein ausgeklügeltes System verhindert es, dass in Italien sich jemand vordrängen kann – Nummer für Nummer werden die Kunden bedient. Ordnung und System – das ist man doch von Italien gar nicht gewohnt, oder? ;) 


Il Weekend – der Weg ist das Ziel


Zug fahren kann interessant sein. Meistens ist es das aber nicht. Etwa in Österreich, wo die ÖBB immer wieder Rekorde in Sachen Reisezeiten aufstellt und nicht wirklich eine Konkurrenz zum Auto geworden ist. Wien-Villach in fast 5 Stunden, Graz-Villach via Zug fast 4 Stunden. Es ist fast schon ironisch, wenn der neue Hochleistungszug der ÖBB, der Railjet, mit sagenhaften 40 km/h durch die Obersteiermark tuckert, vorbei an Bauernhöfen und Käffern, die die Welt noch nicht gesehen hat. Der leidgeplagte ÖBB-Bahnfahrer kommt da bald an die Schmerzgrenze und steigt auf sein eigenes Auto um, wenn nur irgendwie möglich. So ging es auch mir, Zug fahren – nein, danke! 

Während meines Monates in Bergamo habe ich jedoch die italienische Bahn kennengelernt. Auch hier prallen Klischees auf die Realität – und diese ist ganz anders als alles, was in Deutschland und Österreich so über die italienische Eisenbahn grassiert. Verspätungen gibt es immer weniger, Streiks ebenso (in Deutschland wird da in letzter Zeit schon deutlich mehr gestreikt) und das Preis/Leistungsverhältnis ist einmalig. 

Ein italienischer Freccia-Bianca Zug


Das erste freie Wochenende in Bergamo stand vor der Tür und da ich die piemontesische Hauptstadt Torino/Turin im Westen des Landes noch nie besucht habe, bot sich ein Tagestrip in die alte italienische Königsstadt an. Also ging es mit dem Regionalexpresszug nach Milano Centrale, nach Mailand, dem zentralen Knoten des italienischen Bahn- und auch Straßenverkehrs. Von hier ging es dann in nur etwas über 1 Stunde die über 140 km nach Torino in einem der vielen Freccia-Züge. Die roten und weißen Pfeile verbinden Italien und stellen immer wieder Streckenrekorde auf. Auch ich kam ohne Verspätung in Turin an und verbrachte einen interessanten Tag in der Stadt am Po, die ein wenig das Flair der königlichen Zeit Italiens ausstrahlte, als Italien noch von Königen, u.a. Vittore Emanuele II, regiert wurde. 


Neben dem Palazzo Reale und viel Architektur, die um die 1860er Jahre herum entstand, ging von Turin auch aus die „Italianisierung“ aus. Nach dem Risorgimento, der Wiedervereinigung Italiens, gab es zwar einen einzelnen Staat, der jedoch wegen der unterschiedlichen Zugehörigkeit der einzelnen Regionen zu fremden Herrschern, unterschiedlich geprägt war. Es gab lange Zeit kein „Standarditalienisch“, wie es heute der Fall ist. Die Leute in Friaul oder in den Marken sprachen ihre jeweiligen, lokalen Dialekte, die für den Gegenüber nur schwer verständlich waren. 

Turin: Für einige ZEit auch die Hauptstadt Italiens


In Turin jedoch entstand nach dem Zweiten Weltkrieg die RAI, die Radiotelevisione Italiana. Von hier aus wurde schrittweise ganz Italien von einem Netz an Senderstandorten erschlossen, die erstmals Sendungen in Standarditalienisch auch in die Wohnzimmer Siziliens und Kalabriens brachten (wobei das im Süden bis heute nicht viel half, hier redet man immer noch wild…). Das Fernsehen war es, dass Italien vereinte und zur Herausbildung einer einheitlichen Sprache beitrug. Es begann hier in Turin, in einer Stadt, die bis heute noch nicht ganz im republikanischen Italien angekommen ist, sondern die Eleganz einer Königsstadt bis heute versprüht. 


Der Sitz der RAI in Turin

Auch die FS, die Ferrovie dello Stato, die italienische Staatsbahn, haben irgendwie zur Einigung Italiens beigetragen. „Siamo la Metropolitana dell’Italia“ lautet ein aktueller Werbeslogan der Staatsbahnen, „Wir sind die U-Bahn Italiens“ – und ja, es stimmt, die FS verbinden Italien immer mehr. Sie sorgen für den Transport von Süditalienern in den Norden, die dort arbeiten und studieren, im Sommer jedoch heimkehren in den Süden, der zwar keine Zukunft bietet, aber trotzdem irgendwie schöner ist. Sie bringen die Mailänder und die Bewohner der Region Veneto/Venetien an die Traumstände Kalabriens, Apuliens oder der Marken und sie befördern vor allem täglich tausende Personen von Mailand nach Rom entlang der wichtigsten Bahnstrecke Italiens. Mailand, das ist Italiens Finanz- und Wirtschaftszentrum. Leben will hier niemand außer den Mailändern selbst. Aber es gibt Arbeit und das ist ein wichtiges Argument in einem Land, in dem die Arbeitslosenquote leider noch viel zu hoch ist. Die Stadt selber versprüht jedoch kein besonderes Flair. Die Stadt ist geprägt durch faschistische Bauten der 1920er und 1930er Jahre, es gibt nur überteuerte Modelabels und die Hektik erinnert eher an London als an eine italienische Stadt. Mailand ist nicht italienisch, die Stadt ist zweckmäßig aufgebaut und wahrlich keine Perle. 


Von mir wurde die Stadt daher meist als Umsteigepunkt genutzt, da alle Züge von oder nach Milano fahren. Als es ausnahmsweise einmal nicht regnete, sondern die Sonne schien, fuhr ich mit meinem altbekannten Treno Regionale von Bergamo nach Mailand. Der Juli 2014 war auch was das Wetter anbelangte eher unitalienisch, es regnete, regnete und regnete! Mailand stand zweimal unter Wasser, die Flüsse Adda und Serio gingen mehrmals über die Ufer. Das Klima in der Lombardei hatte etwas von den Tropen, man konnte die Uhr danach stellen, etwa gegen 14:00 zog meist ein kräftiges Gewitter über die Stadt und sorgte für ordentlichen Niederschlag, mehrere Tage regnete es überhaupt ohne Pausen.

Doch dieses Wochenende war anders. Es war das einzige, wo sich Sommerwetter über Italien festsetzte. Doch leider wurde es gleich wieder zu warm und das Thermometer stieg über 30° C – was in einem Regionalzug in Italien durchaus ein Problem darstellen kann. Denn die Wägen verwandeln sich dann in eine fahrende Sauna, in der die Innentemperatur rasch über 40° C ansteigt. Trotz vorhandener und zu öffnender Fenster war die Fahrt von Bergamo nach Mailand eine verlustreiche – ich habe mindestens so viel Wasser durch Schwitzen verloren, wie es in der Lombardei im Juli geregnet hat. 

La Piazza - hier in Sirmione



Als ich in Milano Centrale den Zug verließ und zu meinem Anschlusszug rannte, der mich nach Rom bringen sollte, war es, als ich diesen Hochgeschwindigkeitszug betrat, so als wäre es eine andere Welt: 1. Klasse, Ledersitze, Klimaanlage. Es war wie die Wiedergeburt. Ich lehnte mich in meinem großen Ledersitz bequem zurück. 2 Stunden und 40 Minuten trennten mich vom Zentrum der Hauptstadt Italiens. 25 Euro, 1. Klasse, 650 km in 2:40 h – es sind neue Maßstäbe, die die italienische Bahn hier setzt. Pünktlichkeit, günstige und gute Verbindungen sind die Vorteile des Bahnfahrens in Italien. Und als die Anzeigetafel im Zug auf 300 km/h Reisegeschwindigkeit umsprang, dachte ich an die 40 km/h, die ein Railjet so in der Obersteiermark zustande kriegt und lehnte mich zufrieden in den Ledersessel zurück. Zug fahren kann so schön sein.  




Un mese che ha cambiato tutto – 1 Monat Bergamo


1 Monat Bergamo. Es war eine turbulente Zeit, ein Monat, in dem ich viel über Italien und über seine Menschen lernte. Letztendlich ist es jedoch nicht von Bedeutung, was man gemacht oder wohin man gefahren ist, sondern mit wem man diese Erlebnisse teilt. Es war mehr als nur eine Arbeitsstelle, die ich in Bergamo hatte. Es war eine Chance, neue Menschen kennenzulernen und einen Ort zu finden, der mein zweites Zuhause wurde. Ob es die Mittagessen oben in der Wohnung meiner Chefin und ihrer Familie waren, in der wir alle versammelt zusammen gegessen haben oder die vielen Gespräche mit dem Mann meiner Chefin über Italien, über die Geschichte und über Europa. Die Ausflüge nach Rom, Turin, Brescia oder Verona oder an den Gardasee. Den Spaß, den ich mit Francesca, einer Mitarbeiterin oder mit Elin, dem Au-Pair Mädchen der Familie, bei der Aufnahme von Podcasts in drei Sprachen hatte. Volle unklimatisierte Züge, Eis essen am Abend, Sonnenuntergänge, alte Städte, streikende Drucker, Supermärkte mit Einweghandschuhe – das Leben in Italien ist intensiver, man erlebt sowohl positives als auch negatives stärker als anderswo. 


Es funktioniert bei weitem nicht alles einwandfrei in Italien, Wirtschaftsprobleme, Mafia, Arbeitslosigkeit setzen Italien sehr zu, aber trotzdem, trotz allgemeiner Wirtschaftskrise, sind die Restaurants in und um Bergamo jeden Freitag und Samstagabend voll mit Personen aus allen Altersklassen, die sich treffen und das Leben feiern. Sie genießen die Kleinigkeiten des Lebens, eine simple Pizza, einen Cappuccino oder ziehen jeden Sonntag los und fahren in die Berge, ans Meer und gehen gemeinsam in die Parks. Man lebt das Leben, dass nicht immer nur positive Seiten bringt und genießt alle Aspekte des Alltagsleben. Es ist diese Lebenseinstellung – hart arbeiten und das Leben genießen – was man von den Menschen der Lombardei lernen kann. 

Italien: Zentrum des Genusses


Mein Bergamo-Abenteuer endete mit einem unvergesslichen Abend einen Tag vor meiner Abreise. Es waren diese Freunde, die diesen Abend unvergesslich machten. In einer neapolitanischen Pizzeria fanden sich alle ein, die für mich Bergamo dargestellt haben. Wir saßen zusammen, auf die Vorspeise folgte die Pizza und  Nachspeise, wir  lachten, diskutierten und redeten über Gott und die Welt und über all das, was in diesem Monat so passiert war. Nach diesem üppigen Abendessen fuhren wir alle noch zu meinem Vermieter, der einen Stock oberhalb meiner Wohnung wohnte, und plauderten stundenlang bei einem guten Wein aus der Toscana über alles Mögliche. Alle Personen waren versammelt, am letzten Abend eines wunderbaren Monats, dass viel zu schnell vergangen ist.

Doch alles hat ein Ende, so auch meine Zeit in Bergamo. 

Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich bei der Familie meiner Chefin, die mich in diesen Monat so herzlich aufgenommen hatte, mir viele Freiheiten beim Arbeiten gegeben hat und die für mich mehr als nur Arbeitgeber waren, sondern weit mehr – sie wurden meine Freunde. 


Gegen 12:00 verließ ich das Haus und ging die Straße runter zu meinem Auto. Der Himmel hatte sich wieder verdunkelt, es begann leicht zu regnen. In strömenden Regen verließ ich die Stadt, die in diesen Monat mir ganz besonders ans Herz gewachsen ist. Exakt bei gleichen Wetter war ich 1 Monat zuvor angekommen in Bergamo, unwissend, was alles auf mich zukommen wird. 4 Wochen später verließ ich eine Stadt, die meine zweite Heimat geworden ist, in der ich Freunde gefunden habe und die für mich immer ein besonderer Ort bleiben wird sowie generell dieses Land, das von Südtirol bis nach Sizilien so viele Gegensätze und so viel Lebensfreude auf engsten Raum vereint.